The Tentative Collective

Transcribed text for a lost moment, 2016

Installation

Die Installation des Tentative Collective basiert auf den Tonaufnahmen indischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, verwahrt im Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Königliche Preußische Phonographische Kommission versuchte, mit einer absurd peniblen Methode der Kategorisierung, die indischen Soldaten im Halbmondlager ethnografisch zu vermessen. Hierzu wurde jeder Soldat aufgefordert, einen vorher abgestimmten Textauszug vorzutragen: das Alphabet, ein Lied, eine Biografie oder eine Geschichte, um so dieses Klangarchiv – ein Museum der Stimmen – aufzubauen.

Das Tentative Collective interessiert sich für den Widerstand gegen die Archivierung: die Subversion geordneter Rhythmen in den Momenten vor und nach der ethnografischen Vorführung, die Möglichkeiten von Intimität, Gesprächen, Beobachtungen und Gefühlen, die nicht auf Schellack festgehalten werden konnten.

Transcribed text for a lost moment nimmt die Form eines unfertigen Drehbuchs an, geschrieben von einem fiktiven Drehbuchautor, den die verbliebenen Spuren der indischen Soldaten des Halbmondlagers beeindruckt haben. Die von dem Linguisten Wilhelm Doegen gemachten Aufnahmen der Stimme Chote Singhs verwundern den Drehbuchautor. Er versucht, die Welt von Chote Singh zu rekonstruieren, die möglichen Motivationen und Gefühle eines Soldaten, der aus einer kleinen Stadt in Uttar Pradesh in Indien den weiten Weg nach Deutschland zurückgelegt hat und nun zusammen mit anderen Indern aus dem riesigen indischen Subkontinent auf engem Raum in einem Kriegsgefangenenlager festgehalten wird. Chote Singhs Geschichten ziehen sich durch mehrere Aufnahmesitzungen und enden mit einem eigenartigen Gelächter, das den Regeln des ethnografischen Archives zu widerstehen scheint. Er weicht von den Vorlagen ab. Er kommuniziert durch Metaphern. Der Drehbuchautor verknüpft die geheimnisvollen Worte Chote Singhs mit informativen und historischen Versatzstücken zu einem Narrativ für einen Film, der die Vergangenheit neu interpretiert.

Die Projekte von The Tentative Collective (Karatschi, Pakistan) sind als gelebte Auseinandersetzung mit der sinnlichen und sozialen Architektur der Stadt zu verstehen. Durch unsichere urbane Landschaften navigierend, erschaffen sie poetische wie vergängliche Momente im Zwiegespräch mit den Infrastrukturen der Stadt. Sie äußern sich zur Moderne, mit der die Menschen tagtäglich ihre Kämpfe ausfechten. The Tentative Collective strebt eine Praxis an, die von gemeinschaftlichem Arbeiten, Sensibilität den Orten gegenüber und offen für ein breites Spektrum an Teilnehmer*innen ist.

Die Arbeiten des Kollektivs waren unter anderem in der Akademie der Künste, Berlin; in den Münchner Kammerspielen; im Centre for the Study of Developing Societies, Delhi; an der National University of Singapore; am International Institute for Asian Studies, Leiden; an der Hong Kong Baptist University und als Teil des Programms der Lahore Biennale Foundation Ancestors: Architecture of Memory (2015) zu sehen.

www.tentativecollective.com