Judith Raum

Geeignete Lektüre, 2016

Installation

Während des Ersten Weltkriegs war in Berlin die sogenannte Nachrichtenstelle für den Orient – eine Einrichtung des deutschen Generalstabs und des Auswärtigen Amtes – unter anderem dafür verantwortlich, muslimische Kriegsgefangene in deutschen Lagern medial zu beeinflussen. Sie entwickelte außerdem Propagandamaterialien für die muslimische Bevölkerung der von England, Frankreich und Russland kontrollierten Gebiete im Nahen Osten, in Nordafrika und in der Schwarzmeerregion, um die Kräfteverhältnisse zugunsten Deutschlands zu wenden. Broschüren, Flugblätter und Pamphlete, Texte auf feinstem Dünndruckpapier, riefen zum Dschihad auf und beschworen den Schulterschluss mit dem Deutschen und dem Osmanischen Reich.

Judith Raum ist in mehreren deutschen Archiven den Tätigkeiten der Nachrichtenstelle nachgegangen. In ihrer Installation erzeugen Gebilde aus bedrucktem Stahl und Papier zusammen mit Tonträgern ein Gespinst aus Brüchigkeit und Wahnhaftigkeit, geformt aus den propagandistischen Inhalten, die die deutsche Orientpolitik vor 1918 hervorbrachte.

Mit den Stimmen von Mira Partecke und Susanne Sachsse.

Judith Raum (*1977, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Freie Kunst in Frankfurt am Main und New York City sowie Philosophie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse in Frankfurt am Main. In ihrer Arbeit strebt sie die Symbiose künstlerischer und wissenschaftlicher (Erkenntnis)Formate an, ihre Praxis umfasst Performance Lectures und künstlerische Arbeiten, die auf detaillierter Recherche basieren oder sich mit philosophischen Fragestellungen auseinandersetzen. Zuletzt hatte sie Einzelausstellungen im SALT Beyoğlu, Istanbul (2015) und im Heidelberger Kunstverein (2014). Ihre Publikation eser ist 2015 bei Archive Books erschienen.

www.judithraum.net